Leseprobe:
Inge Holzapfel

Emil, das singende Krokodil

„Emil, was macht du da?“, ruft Mama.
„Ich singe. Hör mal. … laa lalalala lalala!“ Ist das nicht schön?“, frage ich.
„Pssstt. Nicht so laut. Leise! Du kannst nicht singen“, sagt sie eindringlich.
„Dooch, ich kann und ich will!“, protestiere ich.
„Ich meine, du darfst nicht singen. Wir sind Krokodile. Es liegt nicht in unserer Natur, zu singen. Niemand aus unserer Familie singt. Papa nicht, ich nicht und Karoline auch nicht. Hast du die Flamingos etwa singen oder ein Schwein schon mal pfeifen hören?“, fragt Mama.
„Nein. Die können es vielleicht gar nicht. Das wäre bestimmt lustig! Aber ich kann … singen und tanzen.“, erwidere ich.
Gut gelaunt und unbeschwert singe ich weiter … la lalalala. Dabei drehe ich eine Pirouette im Wasser und schlage mit dem Schwanz auf die Oberfläche, dass es nur so klatscht. Ich richte meinen Oberkörper auf. „Sieh mal!“, rufe ich.
„Nein! Das geht nicht! Emil, hör sofort auf damit!“, ruft Mama genervt.
„Warum? Was ist so schlimm daran? Ich verstehe das nicht“, sage ich.
„Das habe ich dir schon erklärt. Krokodile tun so etwas nicht. Das ist … na ja, irgendwie befremdlich. Wenn die Verwandten aus der Großfamilie das mitbekommen, werden sie dich auslachen. Schlimmer noch, sie werden sich schämen und mit dir nichts mehr zu tun haben wollen. Ich verbiete dir, zu singen! Schluss damit!“, sagt Mama energisch.
„Du bist gemein!“, rufe ich wütend.
„Glaub mir, es ist nur zu deinem Besten“,erwidert sie und taucht ab.

Ich bin wahnsinnig enttäuscht. Meine Freude und Unbekümmertheit ist dahin.
Was darf ich denn überhaupt noch? Alles was mir Spaß macht, wird verboten. Das ist richtig fies. Ach, lasst mich doch in Ruhe., denke ich und schließe meine Augen. Regungslos liege ich an der Wasseroberfläche. Ich will nichts hören und nichts sehen.

Fast wäre ich eingeschlafen, doch unbekannte Geräusche machen mich neugierig.
Das hört sich an wie ein Klingeln und Pfeifen, denke ich und reiße meine großen, gelben Augen auf. Ich starre auf einen Vogel, der sich gerade auf meine Schnauze niederlassen will.
„Huch, hast du mich erschreckt! Ich dachte, du wärst ein Baumstamm und wollte mich ein wenig ausruhen!“, kreischt er aufgeregt.
„Oh, das tut mir leid! Das wollte ich nicht. Komm setz dich, ich tue dir nichts“, erwidere ich freundlich. „Wer bist du? Wohnst du auch im Zoo?“, frage ich. ….....




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